|
Die Differenzierung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Werken beruht im Kern auf der Annahme – die Beuys in der für ihn typischen Ausprägung der Anthroposophie verdankt -, es gäbe eine sichtbare und eine unsichtbare Welt.
"...ich muß sagen", gab er 1979 in einem Interview zu verstehen, "es gibt eine sichtbare und eine unsichtbare Welt. Zur unsichtbaren Welt gehören die nicht wahrnehmbaren Kraftzusammenhänge, Formzusammenhänge und Energieabläufe; gehört auch das, was man gewöhnlich das Innere des Menschen nennt." An anderer Stelle spricht Beuys von "Gegenraum", "Überzeit" und dem "Leben nach dem Tod".
Wie man immer sieder betont hat, war Rudolf Steiner (1861-1925) zeitlebens eine der Leitfiguren des Künstlers. Beuys selbst wies mehrfach auf diese Zusammenhänge hin. Auch die Unterscheidung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt orientiert sich an Steiner, der in seiner dezidiert antimaterialistischen und antipositivistischen Einstellung davon ausging, "in die äußere Welt auch dasjenige hineinzutragen, was wir im Innern entwickeln". "Niemand wird in der Zukunft ein Praktiker oder ein wirklichkeitsgemäßer Geist sein," so Steiner, "der es verschmäht, im Innern sich durch Geisteswissenschaft so zu erziehen, wie man durch die äußere Welt heute nicht erzogen werden kann." Letztlich ging es Steiner – und bis zu einem gewissen Grade auch dem späten Joseph Beuys – darum, eine "spirituelle Weltanschauung" zu entwickeln, die die wahre Natur des Menschen offenbart, und zwar so, "daß sie uns nun nicht etwa ein abstraktes Seelich-Geistiges enthüllt, sondern ein konkretes Seelisch-Geistiges, das in alle Glieder der menschlichen Organisation hineinzuarbeiten vermag." Das Bemühen des Künstlers, die Zusammenhänge zwischen dem Ideellen und dem Praktischen so zu bestimmen, daß sich aus Begriffen bereits Verhaltensmaßstäbe ableiten lassen, und sein ständiger Versuch, umgekehrt alle politischen Fragen als ästhetische zu behandeln, haben hier ihre Wurzeln. Solche Verbindungen mit der Anthroposophie, aber auch sein viele Fragen aufwerfendes bildnerisches Verfahren und sein häufig als Skandal empfundenes öffentliche Auftreten haben ihm immer wieder den Vorwurf der Sektiererei eingetragen, den man z. T. darin begründet fand, in partei- bzw. hochschulähnlichen Organisationen einen abstrakt-universellen Humanismus und eine privat-obsessive ästhetische Praxis zu verschmelzen.
Auch wenn eine solche Diskussion hier nicht weitergeführt werden kann, es bleibt in der Tat merkwürdig, wie Beuys den künstlerischen Vorgang gelegentlich in Parenthese zum homöopathischen setzt, den er dahingehend beschreibt, "daß man den physischen Anteil Stofflichkeit ganz eliminiert und nur das Formprinzip übrig behält... Die Kraftidee bleibt darin enthalten, das Formprinzip bleibt darin enthalten, aber alle physischen Bestandteiele werden so stark verdünnt, daß sie wirklich nicht mehr drin sind in der Substanz." Eine solche Gedankenfigur findet sich vergleichbar bei Steiner, der sich "verleiblichte Gedanken" ausmalt, die von Substanz durchdrungen wären, die sich aber als Bilder auc der Substanz aussondern würden. Auch wenn Beuys in Anbetracht seiner Zeichnungen von "unsichtbaren Kräften" bzw. "unsichtbaren Formen" spricht, ist ihm als Plastiker andererseits selbstverständlich, daß sich das "Unsichtbare" im "Sichtbaren" verkörpern muß, damit ein Werk überhaupt Gestelt gewinnen kann. "Für mich wurde es zu einer Voraussetzung für das Werden einer Skulptur, daß zuerst eine innere Form im Denken und Erkenne zustande käme und diese dann ausgesprochen werden könne in der Prägung des materiellen Stoffes..." Wenn Beuys weiterhin von seine Zeichnungen als "Denkformen" spricht, ist man unmittelbar an einen Klassiker der Theosophischen Literatur erinnert, Annie Besants und C.W. Leadbeaters 1908 erstmals auf deutsch erschienenes Buch Gedankenformen.
Immer wieder betont Beuys den Vorrang des Unsichtbaren, das er häufig mit dem Ideellen identifiziert. "...wir müssen die Formen des Denkens, also die inneren Formen des Denkens, als die Voraussetzungen für alle weiteren Verkörperungen ansehen. Aus diesen Grunde sehe ich mich veranlaßt zu sagen, daß das Denken des Menschen selbst schon eine Skulptur ist und es darauf ankommt, ob dieses Denken eine Form bekommt, damit sie auch in der physischen Welt eine Form verkörpern kann." Den skulpturalen Vorgang versteht Beuys als ein Abdruckverfahren, als ein "Hineindrücken einer Tat in die Materie" und da, seiner Auffassung nach, "Denken Tat ist", ist das "Denken bereits ein skulpturaler Prozeß". Der absolute Vorrang des Ideellen könnte nicht deutlicher ausgesprochen werden, und das überrascht bei enem Künstler, dessen Werke nicht zuletzt durch ihre starke sinnliche Präsenz überzeugen. Hatte Heinrich Mann noch vor dem Ersten Weltkrieg in seinem überaus einflußreichen Essay die Dichotomie von "Geist und Tat" pointiert herausgestellt, so ist bei Beuys zumindest in diesem Punkt alle Aufklärung vergessen, wenn er bereits das Denken als Tat firmieren läßt.
Motive, Formen, Materialien eines Kunstwerks, soviel läßt sich schon jetzt sagen, sind für Beuys vor allem Manifestationen eines Unsichtbaren, das er mit dem Begriff, dem Denken, ja ganz allgemein dem Geist identifiziert. Alles und jedes lädt sich mit Bedeutung auf, ist Reflex von etwas Höherem. So ist auch der Mensch nur "eine Bodenstation für etwas viel Größeres", und Kunstwerke versteht er als "sichtbare Erdstationen, ... die etwas aus sich entlassen, was metaphysischen, spirituellen Charakter hat."
Warum aber Beuys als bildender Künstler sich immer wieder verbal artikulierte und nicht müde wurde, seine Überzeugungen zu wiederholen, sie dabei oftmals nur geringfügig variierte, so daß man einer Publikation aller seiner Interviews und Reden – so wichtig das auch wäre – mit Skepsis entgegensieht, hängt in erster Linie damit zusammen, daß er die von ihm benutzten Begriffe nicht so sehr als Erkenntniselemente, sondern vielmehr als reale Kräfte versteht, die auf die Seele einwirken sollen. Auf eine solche Verknüpfung von Seelenerlebnis und Begriff kam es auch Steiner an, wenn er die Technik der "Seelenübung" beschreibt. Hinzu kommt, daß Beuys nicht nur zwischen sichtbarem und unsichtbarem Werk unterscheidet, sondern daß er mit dieser Differenzierung oft, wenn auch nicht durchgängig, eine Wertung verbindet, insofern der Begriff, das Denken, als etwas Höheres angesehen wird, als etwas, das den intellektuellen Horizont des Individuums, auch des Künstlers selbst, transzendiert. Es sind Derivate der romantischen Kunstphilosophie, auf die Beuys zurückgreift, wenn er sich als Künstler als nur ausführendes Organ einer höheren Absicht begreift, "Also ich sage nie: Ich erkläre das Ding für fertig, sondern ich warte darauf, bis der Gegenstand sich meldet unbd sagt: Ich bin fertig.... Ich versuche das zu verwirklichen, was die Intention verwirklichen will..." Und an einer anderen Stelle äußerte er:"... der Gegenstand muß sich erst mal gemeldet haben...Wenn sich keiner meldet, dann zeichne ich nicht..."
Es bleibt festzuhalten, daß Beuys mit allen diesen Äußerungen, die auf den Unterschied zwischen sichtbar und unsichtbar abheben, die semiotische Wende der Moderne nicht nachvollzieht, die dort unterstelte Identität des Zeichens mit dem Bezeichneten unterläuft, daß er die Eigenwertigkeit von Formen, Farben und Materialien – ein Charakteristikum der Moderne – in Abrede stellt, daß er letztlich auch alle Differenzierungen und Spezialisierungen zar als derzeit notwendig ansieht, aber doch auf ihre Überwindung hinarbeitet. Kunst wird für ihn zum Mittel, "die Isolation (der Menschen) zu durchbrechen und die Wahrheit der Gesamtzusammenhänge zu finden. Aus dem Tiefpunkt, wo ihm (dem Menschen) alle spirituellen Nabelschnüre abgeschnitten sind, muß er sich und kann er sich wieder erheben." Kunst ist dabei kein Mittel zum Zweck, sondern nur in ihr ist zu erreichen, was Beuys vorschwebt. Dieser Totalitätsanspruch, der sich mit einer Erlösungsmetaphorik verquickt, würde manche Äußerung von Beuys als nur noch obsolet erscheinen lassen, wenn nicht immr wieder Witz und Ironie den erhabenen Anspruch konterkarieren würden, wenn nicht immer wieder pointierte Zeichnungen und Plastiken wie eine radikale Kritik an manchen Aspekten der hier skizzierten Vorstellungen erscheinen würden. Es sind diese Widersprüche zwischen verbal artikulierten Ansätzen einer aufs Politische zielenden Therapie und einem bildnerischen Schaffen von gleichsam diagnostischem Charakter, die sein Oevre fruchtbar machen, die zu produktiver Auseinandersetzung herausfordern, die Zustimmung und Ablehnung provozieren können, die aber eines verbieten: unkritische Adoration.
(aus Armin Zweite: Natur, Materie, Form, München 1991, S. 13-15)
|