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Joseph Beuys 1921-1986Joseph Beuys 1921-1986
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Joseph Beuys 1921-1986Joseph Beuys 1921-1986
Beuys
Die "Tatarenlegende" gehört zur gehobenen Allgemeinbildung und ist Teil der europäischen Kunstgeschichtsschreibung. Sie wird gern erzählt bei Führungen durch Beuys-Ausstellungen, und sie dient als eine Erklärung und als Interpretationsgrundlage für die Verwendung von Fett und Filz als künstlerische Ausdrucksmittel. Dieses Fronterlebnis eines deutschen Elitesoldaten bietet der Beuysforschung Anlass zu vielerlei Spekulationen. Einmal ist es von besonderer Bedeutung in einem "bewusst als Mythos gestalteten Lebenslauf über die traumatischen Erfahrungen des Krieges", andere behaupten, Beuys sei hier mit Schamanismus in Berührung gekommen.

Im folgenden nun
drei unterschiedliche Schilderungen des Sachverhalts, wobei die erste der meistverbreiteten Version entspricht.

"Das Ereignis, das ohne Zweifel den nachhaltigsten Einfluss auf Joseph Beuys haben sollte, ist der Absturz der JU 87 auf der Krim im Winter 1943. Dabei wird Beuys unter dem Flugzeugheck eingeklemmt und sehr schwer verletzt. Sein Kamerad kommt uns Leben. Dass Beuys überlebt ist ein Wunder, und nur nomadisierenden Tataren zu verdanken, die auf ihren Wanderzgen über die Krim das Wrack des Stuckas und den bewusstlosen Beuys im hohen Schnee entdecken. Sie bringen ihn in ihr Lager, pflegen ihn, indem sie seine schweren Wunden mit tierischem Fett salben und den Körper in Filz einwickeln, damit er die Wärme speichert. Beuys hat einen doppelten Schädelbasisbruch erlitten, er hat Splitter im ganzen Körper von denen später nur ein Teil entfernt werden kann. Rippen, Beine und Arme sind gebrochen. Die Haare sind bis in die Wurzeln hinein versengt, das Nasenbein ist zertrümmert. Nachdem ihn deutsche Truppen nach acht Tagen finden, bitten ihn die Tataren bei ihnen zu bleiben. Nach einigem Nachdenken beschliesst Beuys jedoch, mit ins Lazarett zu kommen. Die Bilder, die das Leben bei den Tataren in ihm auslösen, hat er nie mehr vergessen und in einigen Aktionen auf seine Weise umgesetzt. Nach nur sehr kurzer "Genesungspause" wird Beuys erneut zum Fronteinsatz geschickt. Ob dies eine Bestrafung für renitentes Verhalten ist, kann nur vermutet werden. Doch hält er es auch weiterhin mit dem Gehorsam nicht so genau und wird deshalb im Laufenden zwei Mal degradiert. Dass ihm nicht mehr passiert, hat er nur seiner aussergewöhnlichen Tapferkeit zu verdanken, für die er mit dem Eisernen Kreuz 2. und 1. Klasse ausgezeichnet wird. Im Februar 1945 wird Beuys zum Bodeneinsatz nach Nordholland versetzt, was er im Lebenslauf als "Ausstellung von Kälte" bezeichnet. Als er drei Monate später in Kriegsgefangenschaft gerät ist er nur noch ein körperliches Wrack. Etwa ein Jahr später kann Joseph Beuys zu seinen Eltern nach Kleve zurckkehren. Im Lebenslauf/Werklauf deutet er dies mit der 1946 datierten "Warmen Ausstellung" an."
(aus: Referat Eva Wanner zum Seminar Beuys I, WS 1996/97, Universität Stuttgart, Institut für Darstellen und Gestalten, Lehrstuhl 2 Prof. Herbert Traub)


"Beuys selbst erzählt in einem Interview die Geschichte in bester Landsermanier:
"...ich habe erlebt, dass es runterging. Ich habe noch gesagt, lasst uns alle rausspringen, abspringen. Aber das, ab da weiss ich nix mehr. In dem Augenblick, wo ich das gesagt habe, ist wahrscheinlich schon zwei Sekunden später der Aufprall gewesen. - und den hast du nicht.. - .Nein, gar nichts...- und da waren noch andere Leute mit im Flugzeug? - Ja, noch einer. Das war ja immer mit zwei Mann besetzt. - und der eine ist...der ist gestorben. - Der war überhaupt nicht wiederzufinden. Der war atomisiert. Da hat man praktisch nichts wiedergefunden als kleine Knöchelchen, alles andere war als Matsch in der Kabine."
Und Beuys erinnert sich noch genau, wie die Tataren ihn fanden:
"...und als sie da im Blech am Kramen waren, das über mir... lag, und dass sie mich gefunden haben und so um mich rum standen und dass ich dann gesagt habe: woda, also Wasser sollte man - und dann hatīs mir ausgesetzt." "Das Bewusstsein habe ich praktisch erst nach zwölf Tagen wiederbekommen, da lag ich schon in einem deutschen Lazarett. Aber da - da sind mir all die Bilder, sind mir also... eingegangen. ...Die Zelte, also die hatten da Filzzelte, das ganze Gehabe von den Leuten, das mit dem Fett, das ist sowieso wie...ein ganz allgemeiner Geruch in den Häusern... - so wo die mit hantieren..."

Beuys im Film: Kleve - Eine innere Mongolei. ARTE 1994:
"Hätte es die Tataren nicht gegeben, ich wäre heute nicht mehr am Leben. Es waren die Nomaden von der Krim, die in dem Niemandsland zwischen der deutschen und der russischen Front lebten. Sie waren mir schon vertraut, denn ich war oft zu ihren Lagerplätzen hinausgegangen und hatte bei ihnen gesessen. Ihre nomadische Lebensweise hat mich sehr angezogen, obwohl ihre Bewegungsfreiheit damals natürlich stark einägeschrnkt war. Dann entdeckten sie mich im Schnee nach dem Absturz meiner Maschine, als die deutschen Suchtrupps schon aufgegeben hatten. Ich war noch bewusstlos und kam erst wieder zu mir nach ungefähr 12 Tagen. Die Erinnerung an diese Ereignisse sind Bilder, die sich mir tief eingeprägt haben. Ich erinnere mich an den Filz, aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält."

(aus: Gieseke, Markert: "Flieger, Filz und Vaterland", Berlin 1996)


"Laut Auskunft der Deutschen Diensstelle vom 20. Februar 1995 datiert der besagte Absturz auf den 16. März 1944. Die deutsche Wehrmacht war auf dem Rückzug, die Krim zum grössten Teil von der Roten Armee zurückerobert. Der Unfallort liegt bei Freifeld im nördlichen Teil der Krim. Die Verletzungen von Beuys werden mit Gehirnerschütterung und Platzwunde über den Augen angegeben. Der Flugzeugführer Hans Laurinck starb noch am Unfallort. Er wurde auf dem Heldenfriedhof Kruman-Kemektschi/Krim - Einzelgrab Nr. 258 - begraben. Die abgestürzte Maschine war eine JU 87. Den Eintragungen ist zu entnehmen, dass Beuys vom 17. März bis 7. April im mobilen Feldlazarett 179, Kruman-Kemektschi gepflegt wurde. Der acht- bis zwölftgige Aufenthalt bei den Tataren, wie ihn Stachelhaus und andere überliefern, kann also höchstens 24 Stunden gedauert haben.
Das Beuyssche Erinnerungsvermögen mag durch seine Gehirnerschütterung getrübt gewesen sein, und welche visionären Erscheinungen Beuys in der Bewusstlosigkeit hatte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Doch was für Beuys gelten mag, gilt nicht für seine Biografen. Sie scheinen wenig Interesse an einer realistischen Version der Geschichte zu haben, gibt diese doch nur wenig her für kunsttheoretische, philosophische oder metaphysische Weltbetrachtungen."
(aus: Gieseke, Markert: "Flieger, Filz und Vaterland", Berlin 1996)
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