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Joseph Beuys 1921-1986Joseph Beuys 1921-1986
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Joseph Beuys 1921-1986Joseph Beuys 1921-1986
Beuys
Die positive Beuysrezeption läßt sich heute in drei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe propagiert die freie Anschauung des Werkes und setzt allein auf die sinnliche Qualität der Beuys-Arbeiten. Auf die Rezeption der verbalen Äußerungen wird verzichtet, da diese einer individuellen Mythologie entspringen würden und sie deshalb eh niemand wirklich verstehen könne. Diesen Ansatz vertritt beispielsweise der Ausstellungsmacher Harald Szeemann in seinen von der Presse stark beachteten Beuysretrospektiven 1993/94 in Zürich und Paris. Die zweite Gruppe sieht Werk und Wort als Einheit und betont dabei die politische Bedeutung des "Erweiterten Kunstbegriffs". Ein Protagonist dieses Ansatzes und Handlungsreisender in Sachen Beuys ist sein langjähriger Mitarbeiter Johannes Stüttgen.

Auch der Achberger Anthroposoph Rainer Rappmann sieht Wort und Werk als Einheit. Er kritisiert die erste Gruppe und charakterisiert eine dritte, deren primäres Interesse die politische Heilslehre von Beuys ist: "Nach seinem Tod hat man sein Werk sukzessiv in die gegenwärtige Kunstpraxis dergestalt eingewoben, daß von seinem
eigentlichen Anliegen, das er selbst etwa mit dem Begriff Erweiterter Kunstbegriff bzw. soziale Plastik belegte, nichts mehr übrigblieb. Das, was ihm selbst als am besten gelungen erschien, schob und schiebt man kalt lächelnd in den Bereich seiner Privatphilosophie ab. Daß darin jedoch die Perspektive einer Lösung für so manches Problemfeld liegen könnte, das entdecken inzwischen immer mehr Menschen, die gar nicht direkt im Kunstfeld tätig sind."

Beuys geistert durch die Köpfe und Medien etwa als gesellschaftspolitischer Künstler, der das "Modell einer alternativen Gesellschaft" propagiert habe, in der die wahre Kunst frei von "kapitalistischer Unterjochung erst entstehen" könne. Seine Gesellschaftsentwürfe werden entstellend verkürzt auf Plattitüden wie: Versöhnung von Mensch und Natur oder auf allgemeingültige populäre Begriffe wie Freiheit, Volksabstimmung oder Selbstverwaltung.

Kritische Stimmen gibt es weit weniger. Zwar wird Beuys vereinzelt als Scharlatan,
Spinner oder politischer Dilettant bezeichnet, eine derartige Kritik, die auf die Analyse von Wort und Werk verzichtet, kann aber zu Recht nicht ernst genommen werden. In den achtziger Jahren war es lediglich die Kunstzeitschrift "Tendenzen", die sich an einer fundierten Kritik der Beuysschen Arbeit versuchte. Doch diese Kritik schien derart starr und war durch die Orientierung der Zeitschrift am Sozialistischen Realismus derartig belastet, daß die dort formulierten durchaus richtigen und wichtigen Kritikpunkte kaum diskutiert wurden. Genügte doch der Hinweis, "Tendenzen" werde ja sowieso von der DDR finanziert, um jeden positiven Kritikansatz im Keime zu ersticken.

Bei keinem anderen Künstler der Moderne ist der Zusammenhang zwischen Leben und Werk von so zentraler Bedeutung wie bei Beuys. Verschiedene zum Teil von ihm selbst beschriebene Schlüsselerlebnisse werden häufig zur Interpretation seiner Arbeit herangezogen. Er selbst stellte diesen Zusammenhang durch die Gleichsetzung von Kunst und Leben her. Am deutlichsten wird dies in seinem häufig publizierten "Lebenslauf/Werklauf". Dieser "Lebenslauf/Werklauf" verbindet "biografische" Angaben aus der Kindheit, Jugend und Soldatenzeit mit dem bei Künstlern üblichen Ausstellungsverzeichnis, wobei die "Ausstellungen" ihrerseits zum größten Teil wieder biografisch begründete Geschehnisse und Erlebnusse bezeichnen, nicht tatsächliche Ausstellungen von Kunstwerken.

(aus: Frank Gieseke, Albert Markert: Flieger, Filz und Vaterland, Berlin 1996)
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© Michaela Gerum 1998