Zum Verständnis dessen, was Beuys´ Begriff von der "erweiterten Kunst" grundsätzlich besagt, ist es auch wichtig zu wissen, worauf Joseph Beuys´ Aktionskunst theoretisch ausgerichtet war. Ausdrücklich artikulierte er die "Antikunst", die die Belange des menschlichen Lebens beinhalten sollte. Die "Antikunst" wurde später zum Konzept des erweiterten Kunstbegriffs ausgearbeitet und begründet theoretisch die Aktivitäten der politischen und mystischen Aktionen des Künstlers.
"Diese ganzen Aktionen waren ja wichtig, um den alten Kunstbegriff zu erweitern. So weit, so groß wie möglich zu machen. Nach Möglichkeit so groß zu machen, daß er jede menschliche Tätigkeit umgreifen kann. Wenn das stimmt, daß dieser erweiterte Kunstbegriff jede menschliche Tätigkeit umgreift, daß also jede menschliche Handlung zum Kunstwerk erklärt wird, folgt daraus ja logisch, daß das auch für einen Wissenschaftler gilt, für einen Physiker oder einen Chemiker. Es folgt auch logisch daraus, daß dies für einen Menschen gilt, der sich mit Philosophie oder mit Religionssystemen befaßt. Eben, es folgt daraus, daß jede menschliche Tätigkeit damit umgriffen ist."
Nach Beuys´ Überzeugung kann jeder Mensch zur Künstlerin oder zum Künstler werden, allerdings nicht mit seinen alltäglichen Verrichtungen und seinen vielleicht selbstgemalten Bildern und selbst geschaffenen Plastiken. Künstler bzw. Künstlerin kann werden, wer es kraft geordneter Gedankenfolgen sowie theoretischer und tragfähiger Begründungen schafft, für seine Kreationen und Entscheidungen im weitesten Sinne die Verantwortung zu übernehmen.
(aus: Antje Oltmann, Joseph Beuys für und wider die Moderne, Ostfildern 1994)
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