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Wir sahen, daß die Pointe des Zeichnens von Beuys darin liegt, Kräfte aufzuzeigen, durch deren Verlauf das Unnennbare und Abwesende mit dem Gegebenen und Benennbaren in einem untrennbaren Zusammenhang stehend erlebbar wird. Wenn wir deshalb die Form der Erfahrung, die in diesem Zeichnen tätig ist und wirksam wird, versuchsweise als "erweiterndes bildnerisches Denken" charakterisieren, so tun wir dies mit Bezug auf den Begriff des "bildnerischen Denkens", wie er auf Klee angewendet wurde.
Ein bildnerisches Denken, verstanden als Vermögen, Abwesendes und Gegebenes, Unnennbares und Benennbares als in Zusammenhang stehend vorstellbar zu machen, kann vielleicht als einer der Grundimpulse künstlerischer Tätigkeit überhaupt benannt werden. Erst unter den Bedingungen der Moderne aber ist es möglich geworden, diesen Grundimpuls auf der Ebene des Werkes selbst anzusetzen und in seiner Ordnung zu konkretisieren.
Die Konkretisierung, wie Klee sie geleistet und im "bildnerischen Denken" reflektiert hat, unterscheidet sich in ihrer geistigen Ausprägung und formalen Systematik von anderen Versuchen. Das konstitutionierende Moment des bildnerischen Denkens von Klee ist die Prämisse einer zeitlichen Verfassung allen Seins: "Bewegung liegt allem Werden zugrunde." Die Konsequenz daraus ist dieErkenntnis, daß das Sicht- und Nennbare nur eine Facette eines in Bewegung sich befindlichen, umfassenden Ganzen darstellt. "Jetzt wird die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist und daß andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind. Die Dinge erscheinen in erweitertem und vermannigfachtem Sinn, der rationellen Erfahrung von gestern oft scheinbar widersprechend. Eine Verwesentlichung des Zufälligen wird angestrebt." Damit ergibt sich für jeden Menschen die Notwendigkeit, seine Fähigkeit des Sehens und des Denkens zu erweitern. Für den Künstler potenziert sich diese Notwendigkeit in der Forderung, die Erweiterung auch im Darstellen zu erreichen. Klee erforscht diese Aufgabe in seinem künstlerischen Schaffen. Parallel dazu reflektiert er auf sie in Aufsätzen und Vorträgen. Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus entwickelt Klee eine systematische Form- und Gestaltungslehre, über die er die Erkenntnisse des erweiternden bildnerischen Denkens anschaulich und zugänglich zu machen sucht.
Gemeinsam ist Klee und Beuys der ideelle Gehalt des bildnerischen Denkens sowie die künstlerische Entscheidung, in der Ordnung der Werke diese Erfahrungsform zur Anschauung zu bringen. In einem Gespräch mit Caroline Tisdall über den "Secret block" nennt Beuys die Zeichnungen "a selection of thinking forms in evolution over a period of time". Der "Grundimpuls für das Zeichnen" sei im Bemühen um eine "Erweiterung des Sprachbereichs", damit aber auch des Denkens zu suchen. "Ich versuche, diese Sprachlichkeit in besonders großer Flüssigkeit und Beweglichkeit zu halten, um so über die Usurpation von Sprache durch Kulturentwicklung und Rationalität hinauszukommen. Eine erweiterte Verständigung will ich erreichen, damit Dinge ausdrückbar werden, die in tiefere Bereiche führen." Und weiter unten: "Es ist meines Erachtens wichtig, heranzukommen mit dem Zeichnen an ganz elementare, sagen wir evolutionäre Kräfte." Die Arbeit des Zeichnens habe ihm zu einer grundlegenden Veränderung der Sprache, und damit wiederum des Denkens, verholfen. "Die Zeichnungen haben einen ganz elementaren Niederschlag in meiner Sprache gefunden, in der Art und Weise, mich auszudrücken, und natürlich auch als Einfluß auf mein Denken."
(Aus: Theodora Vischer, Joseph Beuys, Die Einheit des Werkes, Köln 1991)
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